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Troebst: Keine Vergangenheitsbewältigung in Griechenland und Bulgarien



Im Interview mit der BBC beschreibt Prof. Stefan Troebst (Universtität Leipzig) seinen Standpunkt bzgl. des Streits zwischen Griechenland und Makedonien.

Seiner Meinung hat sich Makedonien bereits zu einem Kompromiss entschlossen, als die Staatsflagge und die Verfassung geändert wurde (1995). Die weiteren Forderungen Griechenlands wie die Änderung des Staatsnamens seien schlicht unbegründet.

Hier liegt die griechische Dimension, welche eng mit der Identität der Griechen verbunden ist und die Frage, wer denn die Griechen seien ist komplexer als die Frage, wer die Makedonier sind.

Das Trauma des 20. Jahrhunderts, der zweite Weltkrieg und der Bürgerkrieg in den vierziger Jahren wurde nie öffentlich in der griechischen Gesellschaft thematisiert und diskutiert. Der Bürgerkrieg hatte ja nicht nur einen ideologischen Aspekt sondern auch eine ethnisch-politische Dimension.

Die Slawen und Makedonier auf der einen Seite, und der Hellenismus auf der anderen Seite liefern die Grundlage für eine Makedonien-Angst. Diese Angst ist nicht verbunden mit der heutigen Republik Makedonien oder auch mit dem ehem. Jugoslawien. Diese Angst kommt aus dem Inneren Griechenlands. Dieses Problem kann nicht von Außen gelöst werden, sondern kann nur in Griechenland von den Griechen alleine gelöst werden.”

Auf die Frage, wie er die veränderte Politik Bulgariens mit Bezug auf Makedonien sieht, antwortet Prof. Troebst enttäuscht. ”Dies ist sehr enttäuschend, weil in den 90er Jahren der bulgarische Präsident eine konstruktive und pragmatische Politik gegenüber Makedonien führte. Sie erkennten zwar den Staat an, aber nicht die Nation. Jedoch wird sich dass auch noch ändern.”

Prof. Troebst weiter: “Bulgarien ist nun EU-Mitglied geworden und nutzen diese Mitgliedschaft genauso wie Griechenland aus, um ihre eigenen nationalen und regionalen Interessen zu stärken und durchzusetzen, anstatt dass die darüber nachdenken sollten, wie sie ihre Möglichkeiten zum Nutzen der EU einsetzen könnten. Die vereinten Kräfte Bulgariens und Griechenlands gegen Makedonien sind eine gefährliche Tendenz und Brüssel (die EU aber auch die NATO) darf so etwas nicht tolerieren, dass einzelne EU-Mitglieder auf Nachbarländer Druck ausüben, die nicht in der EU sind.”

BBC: Warum erkennt die bulgarische Regierung einen makedonischen Staat an, aber nicht die Nation?

Prof. Troebst: “Zunächst muss man sich im Klaren sein, dass nicht Regierungen andere Nationen anerkennen, sondern nur Staaten, unabhängig davon ob sie die Identität der Nation, die in diesem Staat lebt, mag oder nicht. Wir haben in Deutschland Zwischenfälle von Flüchtlingen aus Bulgarien mit einer makedonischen ethnischen Herkunft welche den dt. Gerichten überzeugen müssen, dass die Lebensbedingungen für die in Sandanski und Petric (Städte in Südwestbulgarien) schlecht sind und sie dort einen Flüchtlingsstatus haben. [..].

Dieses Beispiel zeigt, dass die bulgarische, aber auch die griechische Gesellschaft ihre eigene Vergangenheit nicht überwunden hat.”